XIV.4 Enthalpie und Joule-Thomson-Effekt




XIV.4.1 Definition der Enthalpie

XIV.4.2 Joule-Thomson-Effekt

Versuch XIV.3 Schnee im Hörsaal



In diesem Kapitel wird eine neue Zustandsgröße, die Enthalpie, eingeführt. Dieser relativ unbekannte Zustandsgröße wird in Analogie zur inneren Energie U definiert.



XIV.4.1 Definition der Enthalpie

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Wir haben festgestellt, daß die innere Energie U proportional ist zur spezifischen Wärme eines Stoffes bei konstantem Volumen. Nun überlegen wir, ob man eine ähnliche Größe definieren kann, die direkt proportional zur spezifischen Wärme eines Stoffes bei konstantem Druck ist. Eine so eingeführte Größe hilft, Zustandsänderungen mit konstantem Druck zu berechnen, denn die innere Energie ist anschaulich, aber technisch oft nicht verwendbar, da häufig nicht das Volumen V, sondern der Druck konstant ist. In dieser Größe, so wissen wir, muß die innere Energie um die Volumenarbeit pV vermehrt sein.

Zunächst berechnen wir die Wärme also statt mit CV = const mit CP = const .

Dann gilt

d Q = m cP dT

Analog zu U ist damit die gesuchte neue Zustandsgröße definierbar:

Wir setzen mit cP = const für ideales Gas

dH = m cP dT

Die neue Zustandsgröße wird Enthalpie genannt und mit H bezeichnet.

Diese Gleichung heißt 'Gibbsche Wärmefunktion' (q a lp o s = Wärme).

Berechnen wir nun mithilfe dieser Definition die Enthalpie eines Systems:

Es gilt

Erweitern wir nun den ersten Hauptsatz

d Q = dU + p dV

um V dp - V dp, so folgt

d Q = dU + p dV + V dp - V dp

Fassen wir p dV + V dp zusammen zu

p dV + V dp = d(pV)

so folgt

d Q = dU + d(pV) - V dp

Mit der Grundannahme p = const folgt

Vdp = 0

und damit gilt

d Q = dU + d(pV).

Û dQ = d (U + pV)

wegen d Q = dH folgt

H = U + pV

Diese Gleichung ist die allgemeine Definition der Zustandsgröße H:


Definition XIV.4: Die Enthalpie H ist definiert als H = U + pV. Die Enthalphie ist eine Zustandsgröße.

Wie bereits vermutet, ist die Enthalpie eines Stoffes die innere Energie erweitert um die Volumenarbeit, die bei einer Zustandsänderung mit konstantem Druck zusätzlich aufgewandt werden muß.

Für ein ideales Gas ergibt sich

mit U = m cV T und pV = nRT

H = m cV T + n R T,

und mit m cV = CV folgt

H = CV T + n R T.

Û H = n (Cv + R) T

Û H = n CpT


Merke: Für ideales Gas berechnet sich die Enthalpie als H = n CpT.



XIV.4.2 Joule-Thomson-Effekt

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Den Joule-Thomson-Effekt haben wir quantitativ bereits diskutiert, als wir die Entspannung eines Gases von einem Druck in einen niedrigeren Druck betrachtet haben. Im Prinzip stellt er einen stationären Gay-Lussacschen Überströmungsversuch dar. Bei diesem Versuch wird eine adiabatische Expansion ohne Arbeitsleistung ausgeführt, d.h. weder Wärme wird mit der Umgebung ausgetauscht (d Q = 0) noch wird Arbeit am System geleistet (d W = 0). Diese Art der Expansion nennt man freie Expansion.

Bei idealen Gasen bleibt wegen

dU = d Q + d W

mit d Q = 0 und d W = 0

dU = 0,

also die innere Energie konstant.

Deshalb gilt mit

U = n R T ,

daß die Temperatur konstant bleibt

T = const.

Was passiert bei realen Gasen

In einem Gedankenexperiment betrachten wir eine gedrosselte Expansion. Dabei tritt der Joule-Thomson-Effekt auf, bei dem ein stationärer Gasstrom aus einem Raum mit konstantem höherem Druck durch eine Drosselstelle, z.B. einen Wattebausch, langsam in einen Raum konstanten niederen Drucks strömt. Zur Vermeidung von Störungen durch Wirbelbildungen des Gases oder zusätzlicher Geschwindigkeit, was eine Erhöhung der kinetischen Energie bedeuten würde, wird dieser Prozeß genügend langsam durchgeführt. Deshalb strömt das Gas langsam durch den Wattebausch. Es wird vorausgesetzt, daß dieser Prozeß adiabatisch, d.h. wärmeisoliert, abläuft. Zur Beantwortung unserer Frage interessieren uns bei diesem Versuch vor allem die Temperaturen vor und hinter der Drosselstelle.

Die bei der Strömung umgesetzte Energie kann man erfassen, indem man sich vorstellt, daß ein bestimmtes Volumen V1 vor der Drosselstelle durch einen Kolben 1 durch diese hindurchgeschoben wird, wobei der Druck p1 konstant gehalten wird. Der Kolben 2 hinter der Drosselstelle wird dann mit dem konstanten Druck p2 vom Gas vor sich hergeschoben. Ist das Gas vollständig durch die Drosselstelle geschoben, nimmt es das Volumen V2 ein.


Welche Arbeit wird dabei an Volumen 1 geleistet ?


Für die Expansion des Gases von p1 ® p2 bzw. V1 ® V2 gilt nun

mit

d W1 = - p1 dV1

integriert über p = const. gilt

W1 = p1 V1

W1 ist die am Volumen 1 geleistete Arbeit.

Anlog gilt mit

d W2 = p2 dV2

integriert über p = const. gilt

W2 = - p2 V2

W2 ist von Volumen 2 aufgenommene Arbeit. Aufgrund unserer Vorzeichenkonvention ist die aufgenommene Arbeit W2 negativ.

Mit dem 1. Hauptsatz

dU = d Q + d W

und

d W = W1 + W2

folgt dann dU = d Q + W1 + W2

Þ dU = d Q + p1 V1 - p2 V2

Da der Prozeß adiabatisch verläuft gilt

d Q = 0

und damit

dU = p1 V1 - p2 V2

Û U2 - U1 = p1 V1 - p2 V2

Û U1 + p1 V1 = U2 + p2 V2

mit H = U + pV folgt

H1 = H2


Bei einem idealen Gas mit

p1 V1 = p2 V2

Þ U1 = U2

oder

T1 = T2

Wie bereits berechnet, bleibt bei einem idealen Gas die Temperatur konstant. Dagegen zeigt der Joule-Thomson-Effekt für ein reales Gas, daß die innere Energie nicht nur von der Temperatur abhängig ist, sondern U = U (p,T) oder U = U (V, T) Bei realem Gas bleibt die Enthalpie erhalten. Die Enthalphie als Erhaltungsgröße bei der sogenannten 'isenthalpischen Entspannung' zeigt, daß es sinnvoll ist, eine Größe so zu definieren.


Merke: Bei einer isenthalpischen Entspannung bleibt bei einem idealen Gas die Temperatur, bei einem realen Gas die Enthalpie erhalten.

Nun müssen wir die Enthalpie H für ein reales Gas bestimen:

Allgemein gilt

H = U + pV

Um H zu bestimmen müssen wir also den Druck p und die innere Energie U bestimmen.

Der Zusammenhang zwischen diesen Zustandsgrößen wird durch die Van-der-Waals-Gleichung beschrieben:

(p + ) (Vm - b) = R T

Û preal = (a > 0)

Eingesetzt in H = U + pV folgt

H = U + Vm

Die innere Energie U eines idealen Gases

muß für ein reales Gas erweitert werden um einen Korrekturglied,das aus der Anziehung der Moleküle resultiert. Mit

Û

folgt

Dann folgt für die innere Energie

Eingesetzt in

H = U + Vm

folgt

H + Vm

Bei einer isenthalpischen Entspannung ist

H = const.

und folglich

dH = 0.

Um die erste Ableitung dieser Gleichung zu berechnen, führen wir den Begriff der totalen Differentials ein:


Definition XIV.5: Totales oder vollständiges Differential einer Funktion f von zwei Variablen an der Stelle (x0, y0) nennt man den Ausdruck Dabei sind dx und dy als Variable aufzufassen, df ist also selbst eine lineare Funktion zweier Variablen.

Bildet man nun das totale Differential dH erhält man:

Durch Lösung dieser Gleichung findet man zwei Möglichkeiten:


1. Abkühlung:

falls

T < Tinv = Inversionstemperatur


2. Erwärmung

falls

T > Tinv


Tinv ergibt sich durch Lösen der Gleichung. Für ergibt sich nämlich der Term

Man bezeichnet mit m, dann gilt

m wird als Joule-Thomson-Koeffizient bezeichnet.

Die Einheit des Joule-Thomson-Koeffizienten ist [ m ] = K/105 Pa


Definition XIV.6: Die Inversionstemperatur ist durch m = 0 definiert: Tinv = » 6,75 Tkmit der kritischen Temperatur Tk = .

Experimentell wird dieser Wert auf 10 ¸ 30 % bestätigt.


Für jedes Gas gibt es eine bestimmte Inversionstemperatur Tinv mit der Eigenschaft, daß sich bei

Die Inversionstemperatur Tinv gibt an, wann bei einer Druckänderung, d.h. einer Abstandsänderung der Moleküle, abstoßende oder anziehende Kräfte überwiegen. Einmal wird die Temperatur und die kinetische Energie erhöht, im anderen Fall erniedrigt.


Im Verfahren von Linde wird z.B. der Joule-Thomson-Effekt zur Verflüssigung von Gasen ausgenutzt. Hier wird mittels Kompression Arbeit in das Gas gesteckt und durch einen Kreislauf werden ausreichend niedrige Temperaturen erreicht.


Anschaulich wird die obige Rechnung für Spezialfälle:

1) Die Gasmoleküle besitzen kein Eigenvolumen, es wirken nur Anziehungskräfte. Gegen diese Anziehungskräfte muß Arbeit geleistet werden, die Temperatur sinkt.

Rechnerisch zeigt sich mit

b » 0

ist aufgrund der Anziehung

preal < pideal

Für großes V2

Þ p2 V2» (pV)ideal

Þ p1 V1 < p2 V2

wegen

U1 + p1 V1 = U2 + p2 V2

Þ U1 > U2

Abkühlung


2) Im zweiten Fall werden die Anziehungskräfte vernachlässigt, die Eigenvolumina hingegen nicht. Realisierbar ist dieser Fall z.B. mit Edelgas

Mit

a » 0

folgt wegen des Kovolumens

preal > pideal

Þ p1 V1 > p2 V2

wegen

U1 + p1 V1 = U2 + p2 V2

Þ U1 < U2

Erwärmung


Die Änderung der Temperatur eines Gases wollen wir in einem kleinen Versuch demonstrieren:


Versuch XIV.3: Schnee im Hörsaal

Bei diesem Versuch wird eine Flache mit CO2 auf Zimmertemperatur aufgedreht. Durch eine kleine Öffnung entweicht das Gas. Dabei sinkt die Temperatur des Gases hinter der Drosselstele so weit ab, daß Schnee entsteht.


Eine Tabelle zeigt die Inversionstemperaturen einiger Stoffe.

Wasserstoff kann erst durch Vorkühlen unterhalb Tinv verflüssigt werden.

Das bedeutet aber auch, daß Wasserstoff sich bei einem Leck bei Zimmertemperatur erhitzen kann. Hier besteht Explosionsgefahr !