XIII.1 Mittlere freie Weglänge




Bisher sind wir in der kinetischen Gastheorie immer davon ausgegangen, daß ein Molekül auf eine Gefäßwand trifft und dort einen Stoß ausführt. In unseren Modellversuchen haben wir aber bereits gesehen, daß sich die Moleküle auch untereinander stoßen. Diese Stöße untereinander sind der Grund für das Gleichgewicht eines Gases. Durch den Austausch von Impulsen wird eine im mittel gleiche Geschwindigkeit der Gasmoleküle erzielt.

Welchen Weg legt ein Molekül also zwischen zwei Stößen zurück

Um diese Frage zu beantworten müssen wir zunächst die Annahme fallen lassen, die Moleküle seien Massepunkte. In Wirklichkeit hat ein Molekül eine räumliche Ausdehnung, in unserem Fall sei sein Radius r. Dann treten Stöße auf, wenn der Mittelpunkt einer Kugel näher als 2r an den Mittelpunkt einer anderen Kugel heran kommt. Diesen Abstand nennt man Stoßparameter und bezeichnet ihn mit b. Also erfolgt ein Stoß genau dann, wenn

.

Die gedachte Fläche um die Kugel, in die ein Eindringen einen Stoß zur Folge hätte nennt man den Wirkungsquerschnitt s




Merke: Der Wirkungsquerschnitt eines Moleküls des Radius r beträgt .




Der Wirkungsquerschnitt, manchmal auch Stoßquerschnitt genannt, ist ein zentraler Begriff der Physik. In diesem Beispiel ist er anschaulich zu verstehen als die Fläche, die das Molekül gegenüber dem stoßenden Molekül bietet. Sie wird im Allgemeinen verstanden als die Fläche, die den Stoß charakterisiert.


Betrachten wir nun ein Gas der Dichte n. Wenn ein Molekül dieses Gases den Weg s zurücklegt, dann überstreicht sein Wirkungsquerschnitt das Volumen Vs

.

Dabei trifft es auf Ns Teilchen

Þ

Nun definiert man den Weg, den das Teilchen im Mittel zurücklegen kann, bis es auf ein anderes Teilchen trifft als mittlere Weglänge. Für

Ns = 1,

d.h. den Weg bis zum ersten Stoß gilt dann


Definition XIII.1a): Die mittlere freie Weglänge l bezeichnet den Weg, den ein Teilchen in einem Gas der Dichte n zurücklegen kann, bis im Mittel ein Stoß mit einem anderen, ruhenden Teilchen auftritt: .

Diese Formel gilt nur, wenn man davon ausgeht, daß das zweite Teilchen ruht. Man spricht von dem Stoß mit einem ruhenden Target. In Wirklichkeit bewegt sich das zweite Teilchen ebenfalls. Dann ergibt die Rechnung


Definition XIII.1b): Die mittlere freie Weglänge l bezeichnet den Weg, den ein Teilchen in einem Gas der Dichte n zurücklegen kann, bis im Mittel ein Stoß mit einem anderen bewegten Teilchen auftritt: .

Bei festem Druck p und konstanter Teilchendichte n ergibt sich eine Abhängigkeit vom Druck p:

~ r ~ p

Damit folgt

l ~ .


Um ein Verständnis für die Größenordnung der mittleren freien Weglänge zu bekommen berechnen wir sie am Beispiel Luft:

Luft besteht aus N2 , O2 mit einem Radius von 2r . Die Anzahl der Moleküle in einem Kubikmeter Luft wird durch die sogenannte Loschmidtsche Zahl angegeben:


Merke: In einem Kubikmeter Luft befinden sich

Dann beträgt der Wirkungsquerschnitt

Þ

mit

Þ .


Anschaulicher als diese Größe ist das Verhältnis der mittleren freien Weglänge zur Größe des Moleküls selber bei dem Druck p0. Mit steigendem Druck und damit steigender Dichte nimmt das Verhältnis mit ab.